Mobilität umfasst mehr als die Entscheidung, wie wir von A nach B kommen. Sie ist so eng mit unserem Konsumverhalten verbunden wie noch nie. Denn wir konsumieren überall – ohne dabei die Wege-Kilometer im Einkaufskorb durchblicken zu können. Zu komplex sind mittlerweile die meisten Lieferwege und -ketten.

Regionalbewegungungen widmen sich dem Thema „kurze Wege“ erfolgreich. Ihnen ist es zu verdanken, dass als „regional“ deklarierte Lebensmittel mittlerweile wirklich aus der Region stammen. Eine transparente Kommunikation darüber hilft Konsument*innen, die Produktherkunft zu verstehen und dementsprechende Entscheidungen zu treffen. Aber sind kurze Wege immer die „beste“ Wahl? Initiativen zu fairem Handel sind Pioniere für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, meist mit Produkten der „langen Wege“. Was ist also nachhaltig? Wie soll ich mich entscheiden? Fair gehandelter Honig aus Afrika, der dort wirtschaftliche Aufbauarbeit leistet, oder der lokale Honig vom Hobbyimker?

Von diesen Fragen zu den uns bekannten Wegen – meist aus der Ernährungsbranche – abgesehen, ist unser Bewusstsein für die Wege bzw. die gesamte Lieferkette unserer Alltagsprodukte im Warenkorb noch nicht  geschärft.

Doch diese Wege entscheiden oft darüber, was wir mit unserem Konsumverhalten, was wir beim normalen Einkauf im Alltag, bewirken können. Deshalb brauchen wir Transparenz und verständliche Kommunikation, um unseren Einkaufskorb als Hebel für eine nachhaltige Entwicklung zu aktivieren.

Was ist eigentlich nachhaltig? Es kommt auf Werte und Perspektive an…

Ehrlich gesagt: Wir können keine pauschal gültige Antwort geben. Mit jedem Interview, das wir im Rahmen der Kampagne führen, mit jeder Recherche wächst unser Bewusstsein dafür, dass es auf unser Wertesystem und unsere individuelle Perspektive ankommt, um zu entscheiden, was – für mich?! – nachhaltig ist. Des Weiteren gibt es natürlich Kriterien, nach denen wir uns als Konsument*in richten kann. Auch fällt es uns oft schwer, mit Spannungsfeldern zu leben, ohne sie zu bewerten.

Ein paar Beispiele

„Kaufe regional und bio“ ist eine gängige Leitlinie. Studien1 zeigen, dass der Apfel aus Neuseeland jedoch durchaus „besser“ als sein Ruf ist. Wenn er 20.000 km zurückgelegt hat, klingt das zunächst nach einer schlechten Klimabilanz2, oder? Umfassend betrachtet ist es jedoch so, dass der deutsche Apfel nur während unserer Saison aus Klimaschutz-Perspektive vorteilhaft ist. Im Frühjahr und Sommer kann durchaus der Neuseeländische Apfel klimaschonender sein, da dann die regional angebauten Äpfel in Kühlhäusern viel Energie verbrauchen, also CO2-Emissionen verursachen. Als Konsument*innen können wir uns aber auch dafür entscheiden, in diesem Falle nicht aufgrund der Klimabilanz unsere Entschiedung zu treffen, sondern weil uns eine regionale Wertschöpfung wichtig ist, die hier mit Steuern für eine gesunde sozialökonomische Infrastruktur sorgt und vertrauensbildend ist.

Wenn ich auf die Ökobilanz3 achte, kommen weitere Aspekte als Entscheidungskriterium hinzu, die je länger eine Lieferkette ist, schwieriger umfassend zu analysieren ist. Hier hilft Digitalisierung, um beispielsweise Lieferketten bis ins letzte Glied zurückverfolgen zu können und nach umfassenden Kriterien zu durchleuchten (s. Story über Mode am 9.3.).

Wiederum andere Menschen vertrauen bestimmten Produzent*innen oder Händler*innen mit einer nachhaltigen Unternehmenskultur. Sie setzen bei ihren Einkäufen darauf, dass diese nach bestem Wissen und Gewissen ihr Sortiment gestaltet haben. Andere legen ihren Fokus auf möglichst wenig Verpackung. Das Beispiel der Bio-Gurke in Plastikverpackung4 zeigt, wie widersprüchlich einige Entscheidungen sein können. Denn die Plastikverpackung sorgt für weniger Lebensmittelverschwendung, der grüne Liebling hält sich so länger. Andere Supermärkte differenzieren so schlichtweg ihre konventionellen von biologisch angebauten Angeboten. Da bio Gurken in der Minderzahl sind, werden diese eingeschweißt, anstatt die Mehrzahl der konventionellen Gurken. Hier helfen alternative Kennzeichnungsmethoden.

Während die einen den Online Handel als nicht nachhaltig verteufeln und mit dem Auto beim Bio-Bauern einkaufen, andere nur faire Kleidung bestellen, die gute
Arbeitsbedingungen, aber auch lange Wege birgt, setzen Dritte auf Konzepte wie Kiezkaufhäuser oder die „letzte Meile“. Sie verbinden lokalen Konsum mit Online Shopping per Lastenrad, so dass Konsument*innen die bequemen Tools des Online Handels mit lokaler Wirtschaft verbinden können – sich aber nicht mehr bewegen und begegnen müssen…

Wir in einer Jet-Set Kultur, in der Wege keine Herausforderung mehr darstellen, sondern möglichst schnell und effizient zurückgelegt werden sollen. Wie kommen wir da noch mit?

Wege, Wege, Wege – wie mobil bist Du im Kopf?

Die Beispiele machen deutlich, dass „Nachaltig einkaufen?!“ auf die Perspektive ankommt. Was ist uns wichtig, was „bewegt“ uns?

Die Kampagne nimmt die Perspektive der Wege ein und nimmt 14 Alltagsprodukte, die uns von morgens bis abends begleiten, unter die Lupe. Wir setzen auf Transparenz, wo sie möglich ist und wollen dazu anregen, sich Gedanken zu machen, ohne zu verurteilen.

Wir fragen, wie mobil bist Du im Kopf? Denn wir fangen an, uns innerlich zu bewegen, sobald wir uns über unsere Konsumentscheidung Gedanken machen.

In den Gesprächen mit Händler*innen und Produzent*innen wurde schnell klar, dass eine wirkliche Transparenz aller Wege ein hohes Interesse am Thema bedeutet – denn sich damit zu beschäftigen kostet Zeit. So geht es uns allen als Konsument*innen auch.

Deshalb starten wir am 23. Februar in Frankfurt die Kampagne „Nachhaltig einkaufen!?“ unter dem Motto „Mobilität beginnt im Kopf“. Es geht darum, uns als Konsument*innen für die Rohstoff- und Lieferwege zu sensibilisieren, die hinter den Produkten stecken, die sie kaufen – ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit Fragen und Denkanstößen: Kaufe ich besser die Zahnbürste vom Drogeriemarkt nebenan oder die Bambuszahnbürste aus dem Onlineshop? Wie oft hat Dein neues Shirt die Erde umrundet, bis es im Kleiderschrank landete? Was ist nachhaltiger?

Es kommt also darauf an… Wir machen transparent(er), wo es geht. Die Hintergrundgeschichten sollen dabei auf leicht verständliche Weise Wege aufzeigen, zum Nachdeneken anregen und eine Entscheidungshilfe bieten. Wohlwissend, dass hinter fast jedem Podukt Konflikte lauern, die nicht immer zu lösen sind.

Informieren. Bewusst entscheiden. Wohlfühlen.

 

Bilder:

Anais Quiroga

Quellen:

1 Ulrike Ohl: Komplexität und Kontroversität, Herausforderungen des Geographieunterrichts mit hohem Bildungswert

2 Wikipedia: „Die CO₂-Bilanz ist ein Maß für den Gesamtbetrag von Kohlenstoffdioxid-Emissionen, der direkt bzw. indirekt durch Aktivitäten oder Lebensstadien von Produkten oder Personen entstehen bzw. verursacht werden. Neben Kohlenstoffdioxid werden oft auch andere Treibhausgase bilanziert, meist in Tonnen CO₂-Äquivalenten.“

3 Umwelbundesamt: Die Ökobilanz ist ein Verfahren, um umweltrelevante Vorgänge zu erfassen und zu bewerten. Ursprünglich vor allem zur Bewertung von Produkten entwickelt, wird sie heute auch bei Verfahren, Dienstleistungen und Verhaltensweisen angewendet. Die Ergebnisse von Ökobilanzen (life cycle assessments, LCA) können zur Prozessoptimierung für eine Nachhaltige Produktion genutzt werden. Sie dienen bei der Produktbewertung als Entscheidungshilfe zum Beispiel bei der Vergabe des Blauen Engels oder bei Fragestellungen zur Verpackungsverordnung.

Bei der Erstellung von Ökobilanzen sind vor allem zwei Grundsätze zu befolgen: 1. Medienübergreifende Betrachtung: Alle relevanten potenziellen Schadwirkungen auf die Umweltmedien Boden, Luft, Wasser sind zu berücksichtigen, 2. Stoffstromintegrierte Betrachtung: Alle Stoffströme, die mit dem betrachteten System verbunden sind (Rohstoffeinsätze und Emissionen aus Vor- und Entsorgungsprozessen, aus der Energieerzeugung, aus Transporten und anderen Prozessen) sind zu berücksichtigen.

4 Bento: Warum Gurken mit Plastikhülle tatsächlich nachhaltiger sind?

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