Mehrwegsystem für Frankfurt? Das schafft keiner allein!

Jede Stunde landen in Deutschland 32.000 Coffee to go Becher im Müll. Rund 2,8 Milliarden Becher gehen jährlich über die Ladentheken der Republik – 25 Millionen davon alleine in Frankfurt am Main. Deutschland – wie so viele andere Länder auch – hat ein Becherproblem.

Zwar füllen viele Cafés und Restaurants inzwischen auch Mehrwegbecher von Kundinnen und Kunden auf – doch durchgesetzt hat sich das eigene Mitbringen des Bechers nicht. Woran das liegt? Vielleicht am Mind-Behavior-Gap (Lücke zwischen Wissen und Handeln), mit dem wir alle zu kämpfen haben? Wenn es keine gesetzliche Vorschrift gibt, die das To-Go-Problem lösen kann, muss ein anderer Ansatz her, dachte sich 2017 das Team um Claudia Schäfer der VON WEGEN Kommunikationsagentur im Löwenhof in Frankfurt Bornheim. Sie gründete daraufhin Cup2gether, eine Initiative, die mit einem regional hergestellten, biologisch abbaubaren Mehrwegbecher das Müll- und Umweltproblem lösen sollte.

Schnell war war klar, dass eine solche Becher-Initiative auf mehreren Schultern getragen werden muss. Bürger, Unternehmen, Abfallwirtschaft, Stiftungen und Stadt. Keiner schafft es allein, dem großen Thema „Herr“ zu werden. Sie sprach mit Politik und Unternehmen, die ihr nicht recht helfen konnten. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig dann empfahl ihr, Marlene von „Lust auf besser Leben“ zu kontaktieren. Die wiederum saß an dem Thema, weil die Betriebe der Berger Straße sich weiterhin als plastikfreie Einkaufsstraße positionieren wollten. Also starteten sie den vielversprechenden Versuch, in zwei Frankfurter Stadtteilen ein System zu testen. Dafür brauchte es genügend mitmachende Cafés und To Go Trinker – das Team ging eine Challenge / Wette mit der Stadt Frankfurt ein, dieses Ziel zu erreichen.

Vom Wissen zum Handeln – bringt eine lokale Mehrweginitiative überhaupt etwas?

Mittlerweile machen rund 40 Cafés, Kioske & Co. in und um die beliebte Berger Straße in den Frankfurter Stadtteilen Bornheim und Nordend mit. Dort können (derzeit über 700) Kundinnen und Kunden Kaffee und andere Heißgetränke in Mehrwegbechern kaufen. Das Besondere dabei: Den Pfandbecher können sie danach nicht nur in einem Café abgeben, sondern bei allen Cafés, die beim Versuch mitmachen. Es gibt kein Geldpfand, sondern einen Tauschcoin, eigentlich ist es eher ein Tauschsystem à la Sharing Economy.

Nach 100 Tagen Test ist klar, die Idee funktioniert, doch die Tester und Cafés wollen in andere Stadtteile gehen, damit der Kreislauf der To Go Trinker vor und nach der Arbeit auch wirklich funktioniert, da die Wenigsten ihren Kaffeebecher nur durch zwei Stadtteile tragen.

Umfragen zeigen, dass das Thema Umwelt die Menschen beschäftigt und sie dankbar sind, sich einbringen zu können. Über 150 Becherbotschafter engagieren sich freiwillig und sprechen mit To Go Trinkern über das Konzept. Skeptiker gibt es natürlich auch:

Bio Plastik wird (noch) nicht recycelt oder in den Stoffkreislauf eingeführt

Einige kritisieren, dass der biologisch abbaubare Stoff aus Lingin (Baumharze) und Glukose (mehr dazu hier in der Sendung mit der Maus) von der Abfallwirtschaft aktuell noch nicht recycelt oder kompostiert wird. Der Zersetzungsprozess dauert länger als bei herkömmlichem Kompost, die Maschinen sind noch nicht auf die längere Zersetzungsdauer der neuen Materialien eingestelllt. Wir halten nach vielen Recherchen und Gesprächen dagegen: Eine Zerowaste-Gesellschaft wäre das Optimum. Wenn wir aber weiterhin, auch aus relevanten hygienischen Gründen (wer will Ungeziefer im Müsli?) Verpackungen brauchen, ist mittlerweile unser Standpunkt, dass wir gut daran tun, auf alternative Materialien zu setzen, die a) kein Mikroplastik hinterlassen und b) eben erst ab einer bestimmten Menge für die Abfallwirtschaft eine Umstellung der Kompostierkreisläufe lukrativ machen. Das heißt, weniger Plastik und mehr nachhaltige Alternativen führen zu einer Umstellung des Systems – auf lange Sicht.

Was soll Nachaltigkeit in zwei Stadtteilen bewirken?

Die anderen Kritiker sagen, dass das System nur von der Politik verändert werden kann. Was bewirken schon zwei Stadtteile? Dazu haben wir aus langjähriger Erfahrung eine klare Position:

  1. Wer macht denn Politik? Sie wird von der Zivilgesellschaft gewählt. Damit sich etwas in Richtung Nachhaltigkeit und Umweltschutz bewegt, müssen also Bürgerinnen und Bürger sensibilisert und für diese Themen begeistert werden – wenn nicht, wird dies auch keiner von der Politik einfordern. Projekte vor Ort, die Menschen im Alltag erreichen und in klenen, aber erlebbaren Schritten vorangehen sind dazu super geeignet.
  2. Bevor Millionen für große Infrastruktur ausgegeben wird, testen wir lieber im Kleinen, verbessern, passen an. Nun wissen wir, was skaliert werden sollte und was wir von der Politik dazu benötigen. Manch einer nennt das Lean Management, andere einfach Trial and Error… and again.
  3. Auf Basis des großen Erfolgs, den wir nur in kleinem Umkreis aufgrund sehr begrenzter Mittel erreichen konnten, können wir nun anders vor Politik und Unternehmen argumentieren. Wir haben nun eine Peergroup, die zeigt, was geht. Zudem haben wir einen Runden Tisch veranstaltet, an dem Herausforderungen und Lösungen im Bereich Mehrweg aus verschiedenen Perspektiven diskutiert wurden. Erst wenn Abfallwirtschaft, Veterinäramt, Cafés, Verbraucher an einen Tisch kommen, enstehen innovative, nachhaltige Lösungen.

Unser Fazit ist also: Let’s cup2gether 🙂

Wie geht es weiter mit dem Mehrweg?

Kennt jemand jemanden, der sich beteiligen möchte? Mit Spenden, Arbeitskraft, Köpfen? Hier geht es zu unseren Gesuchen für eine bessere Welt: https://cup2gether.de/wanted/

Mehr dazu auch im Blog „Die Farbe des Geldes“ der Triodos Bank.

Mitmachen und Cafés finden.

Und hier gibt’s eine Liste aller mitmachenden Cafés

Mache mit und trage Dich als TesterIn ein.

 

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