Neulich bei der Lust auf besser Leben gGmbH …

Es ist neun Uhr abends während ich diesen Text schreibe. Vor knapp zwei Stunden habe ich meinen acht Monate alten Sohn ins Bett gebracht, während mein Freund das Abendessen gekocht hat. Nun scheint alles friedlich… Bis auf mein Getippe auf dem Laptop – dem Frustkasten, wie mein Partner ihn nennt.

Frust… Kasten! Bis die Bedeutung dieser Wortschöpfung in meinem langsamen Stillhirn angekommen ist, liegt er längst auf der Couch. Ich sitze am Esstisch und starre mit zusammengebissenen Zähnen auf den Bildschirm.

An meiner Art zu tippen, lässt sich leicht erkennen, ob ich gerade entspannt an einem schönen Projekt sitze oder noch schnell etwas in der Hälfte der geplanten Zeit erledigen will, weil im Laufe der Woche wieder zig neue Aufgaben hinzugekommen sind. Letzteres ist aktuell der Standard. Dabei kann ich mich glücklich schätzen: der Opa passt einmal jede Woche einen Tag auf den Kleinen auf, ich habe flexible Arbeitszeiten und mein Freund ist meist im Homeoffice. Warum haue ich also so auf die Tasten?


Stereotype Mompreneur?

Ein Blick zurück: Nach fünf Monaten Babypause, in denen ich nur punktuell im Alltag meines ersten „Babys“, Lust auf besser leben, eingebunden war, bin ich bewusst mit dem sogenannten Elternteilzeitmodell wiedereingestiegen.

Das bedeutet, ich arbeite weniger als 20 Stunden die Woche und erhalte zusätzlich Elterngeld. Ein wirklich cooles Modell, mit dem ich mich gut identifizieren kann.

Denn ich will mir beweisen, dass alles unter einen Hut passt: Mamasein und zwar Vollzeit, Chefin sein und zwar Teilzeit. Ganz modern. Eigentlich moderner als modern. Denn das stellt ein wenig die Stereotype der „Working Mum“ oder „Mompreneur“ (und wie sie alle heißen mögen) auf den Kopf, die in diversen Podcasts davon berichten, dass sie gefühlte zwei Stunden nach der Geburt bereits wieder mit Laptop im Krankenhausbett saßen, die Nabelschnur noch pulsierend…

Ich übertreibe natürlich maßlos. Aber es ist spannend zu beobachten, wie gesellschaftliche (Vor-)Bilder gerne vom einen ins andere Extrem ausschlagen.

Dabei möchte ich mich richtig verstanden wissen: Natürlich bin ich gegen jegliche Karriereknicks durch Care Arbeit und vor allem bin ich dafür, dass jede:r mit dem Wiedereinstieg in den Job genauso umgehen sollte, wie er:sie möchte. Diese Freiheit ist es, die unsere 20er Jahre prägen wird. Und ob mensch sich im Windelchaos wohler fühlt als am Laptop oder umgekehrt ist jedem und jeder selbst überlassen. Ich brauche beides.

Doch um diese Vision von „beidem“ oder eben von jedwedem individuellen Modell zu realisieren, brauchen wir noch ein Quäntchen mehr Ehrlichkeit: zu uns selbst, zu unseren Partner:innen, zu Kolleg:innen und gegenüber anderen Eltern – vor allem gegenüber denen!


Wohlfühlzone auf der Arbeit neu programmieren

Denn ich beobachte eine unangenehme Spirale, die ich mir gar nicht erst weiter angewöhnen möchte: den ganzen Vormittag versuche ich innerlich, meinen Sohn zum Schlafen oder Spielen zu bewegen, damit ich arbeiten kann mit dem Ziel, danach „voll und ganz“ für ihn da sein zu können. Ääääh. Läuft so gar nicht. Nachdem ich mich bei diesem unrealistischen inneren Vorsatz ertappt habe, versuche ich nun, einfach genau das zu tun, was gerade ansteht. Ist er wach, bin ich für ihn da, schläft er, arbeite ich.

Mein Rhythmus ändert sich dadurch komplett und vor allem meine Arbeitsroutine, meine Wohlfühlzone. Denn ich hake gerne Aufgaben ab. Dieser psychologisch motivierende Effekt stellt sich nur leider nicht ein, wenn man eine Aufgabe über den ganzen Tag hinweg fragmentiert und am Abend trotzdem nicht damit fertig geworden ist.

Die gute Nachricht: nach ca. 18 Jahren Yogapraxis wollte ich sowieso langsam mal lernen, wie mensch im Hier und Jetzt lebt, unerledigte Aufgaben hin oder her. Nun bin ich Mama und Geschäftsführerin und „schwupps“, ist diese Challenge zu einem Teil meines täglichen Überlebenstrainings geworden.

Aber im Ernst: Im Team sprechen wir offen über solche Herausforderungen. Trotzdem ändert das nichts am Spannungsfeld, in dem mensch sich bewegt, sobald ein Kind geboren wurde und der Wiedereinstieg in den Beruf ansteht.

Für mich ist es trotzdem die glücklichste und entspannteste Zeit meines Lebens. Denn es ist etwas völlig anderes, meine Taktung und Routinen umzustellen, wenn mich dafür morgens blaue Kulleraugen angucken und ein Patschehändchen mir als Weckruf eins auf die Nase gibt. Die Dauermüdigkeit ist damit auch ganz gut zu verkraften – und dem Universum sei Dank gibt es ja tolle Menschen um mich herum, die uns dieses Familienarbeitsmodell ermöglichen.

Work in progress.

Eure Marlene

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