„Mit dem Grad der Lebensmittelverarbeitung wachsen die Produktionswege. Exponentiell. Dabei ist frisches Kochen nicht nur lecker, sondern auch gesund und gut für den Geldbeutel.“ – Ein Gespräch mit Joerg Weber von der Bürger AG über lila Kühe, Kühlhäuser mit Ökostrom, Preisdruck und informierte Entscheidungen

An Joerg Weber kommt man in Frankfurt nicht vorbei, wenn es um die Frage geht, wo unser Essen eigentlich herkommt. Er ist ein Mann der vielen Hüte. Nicht nur echte Hüte stehen ihm besonders gut – er füllt auch viele wichtige Rollen für die Förderung regionaler Biolandwirtschaft.

Joerg Weber hat den Ernährungsrat Frankfurt mitgegründet, er ist Vorsitzender des Vereins ‚BIONALES – Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung e.V.‘ und als gelernter Bankkaufmann hat er vor vielen Jahren die Ökobank e.G. mitgegründet und ist heute Vorstand der Bürger AG, die über Aktien und Beteiligungen die Biolandwirtschaft der Region unterstützt.

Ausschlaggebend für die Wege ist der Grad der Verarbeitung

Wir haben bei ihm nachgefragt: „Welche Wege sind beim verantwortlichen Einkauf von Lebensmitteln von Bedeutung?“ Er erklärt: „Ausschlaggebend für die Wege ist der Grad der Verarbeitung, das heißt wie nah an der Natürlichkeit das Lebensmittel noch ist. Der Apfel hat kürzere Wege hinter sich als das Apfelmus oder der Apfelkuchen. Und das Steak beim regionalen Metzger hat kürzere Wege hinter sich als das Frankfurter Würstchen, bei dem nicht nur die Wurst verarbeitet werden muss, sondern auch der Darm noch lange Wege hinter sich hat.“

Kochen statt lila Kühe

Ich frage mich gerade, wann ich das letzte Mal selbst Apfelmus gemacht habe… Er scheint meine Gedanken lesen zu können und ergänzt: „Die Zeiten haben sich geändert. Menschen stehen ständig unter Strom, sind gestresst, haben keine Zeit mehr. In vielen Familien wird nicht mehr selber gekocht, sondern auf Convenience Food ausgewichen. Das ist schade. Denn frisches Kochen ist nicht nur lecker, sondern auch gesund und gut für den Geldbeutel. Aber es ist heute keine Ausnahme mehr, dass Kinder davon ausgehen, dass die Kuh lila ist, und nicht wissen, ob der Apfel am Baum oder am Strauch wächst.“

Ernährungsbildung in der Schule

Bildung ist dann wohl der Schlüssel. Weil Kinder diese Grundlagen oft nicht mehr zuhause lernen, könnte die Schule immer mehr dieser Aufgaben übernehmen. Joerg erklärt: „Der Ernährungsrat Frankfurt hat sich deshalb für die Reaktivierung des früheren städtischen Schulgartens im Frankfurter Ostpark eingesetzt, der seit April den Betrieb wieder aufgenommen hat.“ Darüber berichtete auch die Frankfurter Rundschau.

Bequemlichkeit vs. Regional einkaufen

„Spielt denn diese Natürlichkeit der Lebensmittel heute noch eine große Rolle?“ frage ich nach. „Ja, klar! Selbst Nichtköche benötigen Grundnahrungsmittel.

Und wenn mir die Wege wichtig sind, dann sind diese ganz einfach aus der Region zu bekommen: auf dem Wochenmarkt, im Hofladen oder auch im Ernteanteil der Kooperative Genossenschaft.“ Das stimmt. „Aber warum kaufen dann nicht mehr Menschen auf dem Wochenmarkt?“ „Zum einen liegt es an der Bequemlichkeit und dem Wunsch nach zeitlicher Flexibilität.

Im Supermarkt kann ich ja sogar samstags um Mitternacht noch die Kiwi für den Smoothie kaufen.“ Das stimmt. Wir haben uns wirklich daran gewöhnt, jeden Wunsch sofort erfüllen zu können.

Weite Wege und billige Preise

Und wenn der Supermarkt geschlossen hat, dann kann ich sogar online bei Amazon Pantry Lebensmittel einkaufen. „Aber es hat auch andere Gründe. Wenn mir der Preis wichtig ist, dann gehe ich zum Discounter. Da haben vielleicht auch Grundnahrungsmittel weite Wege.“

Das verstehe ich nicht. Warum haben Grundnahrungsmittel mit weiteren Wegen und höherem CO2-Ausstoß zum Teil den billigeren Preis? Joerg erklärt es mir: „Der Preis setzt sich zusammen aus den Kosten und der Gewinnmarge, aber Kosten wirken sich nur auf den Preis aus, wenn ich externe Kosten mit einpreise.

CO2-Ausstoß sind aktuell externe Kosten, die von uns als Gesellschaft und von der Umwelt getragen werden. Sie sind nicht im Produktpreis mit einberechnet, deshalb ist es ja so wichtig, dass wir endlich  über eine sinnvoll gestaltete CO2-Steuer sprechen. Bei den Kosten geht es aber auch darum, wieviel Druck ich ausüben kann.

Preisdruck von Großhändlern gegen Umwelt und gute Arbeitsplätze?

Große Lebensmittelhändler können mit hohen Mengen die Produzenten im Preis unter Druck setzen und sie gleichzeitig langfristig an sich binden. Einseitige Abhängigkeiten und niedrigere Preise gehen aber meist zu Lasten von irgendjemandem. Meist der Umwelt oder sozialer Arbeitsplatzbedingungen.“

Bio-Gastronomie braucht Kühlhäuser – mit Ökostrom?

Bisher haben wir nur von Privathaushalten gesprochen. Ich frage mich: wie sieht es im Gastronomiebereich aus? Wie kurz oder lang sind dort die Wege der eingesetzten Lebensmittel? Wird eher bio oder konventionell eingesetzt?

Joerg zeichnet ein komplexes Bild auf: „Karotten und Kartoffeln in Bioqualität aus der Region waren für die Gastronomie und Großküchen lange nicht nutzbar, weil sie nur wenige Monate vorhanden waren. Mittlerweile können wir diese Ware fast ganzjährig beziehen, weil es vermehrt Kühlhäuser gibt, aber die müssen mit Strom versorgt werden. Da ist dann eher die Frage, mit welchem Strom die Kühlhäuser betrieben werden. Wenn dies durch das nächste Kohlekraftwerk passiert, ist das ein Problem. Oder produziert der Bauer eigene Energie durch den Einsatz von Solaranlagen? Solarkollektoren werden immer besser, daher gibt es sie immer mehr und sie werden billiger. Die Bioproduzenten legen in der Regel auch mehr Wert auf erneuerbare Energien, deshalb sind die Chancen hoch, dass Bioproduzenten mit Kühlhäusern vielleicht mit Erneuerbaren produzieren.“

Großhändler liefern Bioware

Und wie kommt die Gastronomie dann an die Ware ran? Kaufen die direkt vom Hof? Joerg erklärt, dass einzelne Restaurants das machen, aber dass der Großteil doch über den Großhandel einkauft. „Da kann man eigentlich nicht sagen, wo die Ware herkommt. Es gibt Händler wie die Raiffeisen Waren-Zentralen oder den stationären Landhandel, die Ware bei den Produzenten aufkaufen und vermarkten. Zuckerrübe oder Weizen oder Mais. Im Biobereich übernehmen das Bioverbände oder Großhändler wie Phönix. Da geht es um Masse und Preise. Da werden die Preise permanent nach Angebot und Nachfrage angepasst. Diese Organisationen nehmen den Bauern das Risiko ab und setzen sich mit großen Supermarktketten auseinander. Das machen sie aber schon im Vorfeld, sonst hätten sie das Risiko ja selbst, hinterher auf ihrer Ware sitzen zu bleiben. Sie fragen den Supermarkt: was wollt ihr nächstes Jahr? Dann sagt der Supermarkt: ‚Die Leute wollen mehr Kartoffeln, weil sie weniger Nudeln essen‘, und dann sucht der Händler Produzenten für Kartoffeln. Oder Erdbeeren. Oder Avocado. Wo die Ware dann herkommt? Kann man so nicht sagen.“

‚Regional‘ ist nicht geschützt

Ich hake nach: „Aber im Supermarkt steht doch mittlerweile überall groß ‚regional‘ – ist das nur Marketing?“ Joerg antwortet: „Der Begriff ‚regional‘ ist nicht geschützt und mit dem Begriff wird enorm Schindluder getrieben. Sogar die großen Lebensmitteleinzelhändler setzen alle auf regional, obwohl das zum Teil gar nicht stimmt.

In Wirklichkeit kommen nur wenige Produkte wirklich aus der Region, aber das Marketing suggeriert, dass alles regional ist. Dazu kommt noch: Für einen international agierenden Supermarkt ist die Kartoffel regional, wenn sie aus Deutschland kommt. Für den Gemüsebauern Thomas Wolf von ‚Querbeet‘ sind die Kartoffeln regional, wenn sie maximal 40 km reisen.“

Digitalisierung als Trend für mehr Transparenz in der Lieferkette

Das stimmt. Vielleicht sieht der Verbraucher auch nur das, was er oder sie gerade sehen will. Und höhere Preise will niemand gerne sehen. Ich frage Joerg, wo er die größten Entwicklungschancen der nächsten Jahre sieht.

„Ich glaube, die Digitalisierung wird den Vorteil bringen, dass auch im konventionellen Bereich deklariert werden muss, wo die Ware genau herkommt. Dann ist Transparenz da und Verbraucher können informierte Entscheidungen treffen.“ Informierte Entscheidungen sind gut. Denn nur, wenn ich weiß, was die Auswirkungen meines Konsums sind, kann ich mich bewusst entscheiden und mich dann mit meiner Entscheidung auch wohlfühlen.

 

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